Ein Schloss, das keines ist
Zur Baugeschichte unserer Schule
Mit seiner Unterschrift vom 24.03.1803 unter den Reichshauptschluss besiegelte Kaiser Franz II. endgültig das Schicksal der Klöster. In der Folge wurden in Bayern unter Kurfürst Max IV. Joseph sämtliche ständischen Stifte, Hochstifte, Abteien und Klöster säkularisiert und deren Besitzungen dem Staat einverleibt. Betroffen davon war auch das Kloster St. Peter in Salzburg, dessen Besitz an Höfen, Gütern, Ländereien und Waldungen weit in dem Chiemgau hereinreichte. In Ising gab es um 1800 vier Anwesen: den Untermaier, den Obermaier, den Wimmerhof und das Mesnersachel. Alle vier gehörten nach Salzburg.
Der Untermaier, der ehemalige Maierhof, der aus einem römischen Landgut, einer Villa rustica hervorging, war der älteste dieser Höfe. Zwischen 737 und 748 vermachte ihn der baierische Stammesherzog Odilo dem Kloster St. Peter. Mit der Säkularisation wurde über Nacht eine 1000 Jahre währende Bindung aufgelöst und die Grundherrschaft beendet. In der Folgezeit bot die baierische Regierung dem letzten klösterlichen Gutsverwalter, einem gewissen Jakob Haigermoser, den Kauf an. Nach dem Tod des freien Bauern in Ising übernahm 1820 sein Sohn Michael das Anwesen. Er ließ den Hof um 1840 großzügig umbauen und setzte an die Westseite einen achteckigen, allerdings niedrigen Turm, der dem Gebäude den Anstrich "gehobener Bäuerlichkeit im Stil des Biedermaier" verlieh. 1864 verkaufte Michael Haigermoser den Hof an Franz von Liel, königlich-bayerischer Rittmeister. Dieser setzte die baulichen Veränderungen fort. Er schuf ein zweigeschossiges Herrenhaus, dem Bautyp einer Villa gleich, das von einem fast regelmäßigen Walmdach bedeckt war. Noch vor der Übernahme durch den sächsischen Major Czermak 1891 erhöhte Karl von Liel, der Sohn des Franz, dem das Gebäude nun gehörte, den achteckigen Turm um zwei selbständige Geschosse und bekrönte ihn mit einem Zinnkranz. Der Turm überragt nun dominant das Herrenhaus. Türme waren zu dieser Zeit äußerst beliebt, und der Isinger Turm ist das markanteste Beispiel seiner Art im Chiemgau. Was konnte denn den Einfluß und die Bedeutung des aufstrebenden Bürgertums besser zur Geltung bringen als ein Bauwerk, das vor nicht allzu langer Zeit dem Herrscherhaus und dem Adel und der Kirche durch das Befestigungsregal vorenthalten war?
Auch die Art zu bauen, der Baustil erfuhr in diesen Jahren eine durchgreifende Veränderung. Erlebte noch zu Beginn des Jahrhunderts der Klassizismus seine höchste Blütezeit, so verstrickte sich die akademische Architektur in der Folgezeit in ständige Richtungskämpfe der historisierenden Schulen, und der bisher als Objektiv geltende antike Formenkanon wurde zugunsten eines Stilpluralismus und einer Stilvermischung abgelehnt. Man baute im Historismus, einem Baustil, in dem auch die zu dieser Zeit bedeutendsten Bauherren in Bayern ihre Städte, Schlösser und Kirchen zu höchster Vollendung entwickelten: Ludwig I. und sein Enkel Ludwig II. 1891 beauftragte Leo Czermak den Kunstmaler Buschbeck, Leiter des Kostümwesens am damaligen Münchner Hoftheater, die Villa großzügig umzubauen und zu erweitern. Kein Architekt oder Baumeister zeichnete also die Pläne; auch dies ist neu in dieser Zeit und hat ebenfalls in Ludwig II. sein Vorbild. Der erste Entwurf für Neuschwanstein stammte vom Theatermaler Christian Jank. Hermann Buschbeck hatte sich aus diesem Grund am Chiemsee niedergelassen. Er erstand den Schneiderhof, den heutigen Amalienhof, in Alaching und leitete von dort, zusammen mit Franz Schecher, den Umbau. Mit dem Anbau eines zweigeschossigen Westflügels mit Mansardendachgeschoß und eines ebenfalls zweigeschossigen Nordflügels mit Satteldach entstand eine unregelmäßige Dreiflügelanlage mit einem nach Osten offenen Innenhof. Beide Neubauten stehen über einen niedrigen Verbindungsbau mit Hofdurchfahrt miteinander in Verbindung. Dies und die unterschiedlichen Ausmaße verstärkten die erwähnte Unregelmäßigkeit. Auch das Herrenhaus wurde durch ein Dachgeschoß erhöht. Neubarocke, an den Längsseiten in die Dachflächen hineingeschobene Treppengiebel und wuchtige Gauben, ebenfalls mit Treppgiebelchen überhöht, geben dem Gebäude ein herrschaftliches Aussehen. Vor allem die Südseite, die dem Garten zugewandte, ist, vermutlich bewusst, zur "Schauseite" geworden. Umlaufende Gesimse und mit Steinbalustraden bekrönte Erker geben der Villa eine hervorstechende Gliederung und verraten eine reife Planung. Geradezu verspielt und filigran wirken die von Spitzbogen durchbrochene Giebeltreppchen und die sich ihnen traufsichtig anschließenden Rundkonsolen mit Bogennischen. Über dem nordseitigen Hauptportal erhabt sich ein, einem Baldachin vergleichbare, aufgemauerte Altane, die oberseits ebenfalls mit einer Steinbalustrade abgeschlossen wurde. Auch der Nordflügel ist auf halber Höhe durch ein umlaufendes Gesims gegliedert, hofseits wurde ihm ein Eingangsrislit mit Zwerchhaus angefügt.
Auch der Turm wurde erweitert. Er erhielt zusätzlich zum Zinnenkranz einen mehrfach abgesetzten oberen Abschluss mit Rundbogenfries. Es sind Stilformen der Romantik, die man hier wählte. Außerdem wurde ihm ein kleines Türmchen, ebenfalls mit Zinnenkranz, angefügt. Im Winkel zwischen Herrenhaus und Westflügel entstand noch ein weiterer Turm. Der runde Aufbau mit fünf Geschossen und steilem Kegeldach ragt weit über die Dachflächen hinaus. Seine Fenster und die beiden umlaufenden Friese besitzen Spitzbogenform. Beim zweiten Turm bediente man sich somit der Formen der Gotik. Auch der Westfügel erhielt ein weiteres kleines Dachreitertürmchen mit Kegeldach aufgesetzt.
Insgesamt zeigt der Gebäudekomplex ein seltenes Gemisch von Stilformen der Neuromantik, Neugotik und des Neubarok. Im Jahr 1892 war der Umbau beendet. Major Leo Czermak, Präsident des Bayerischen Automobilclubs, liebte das gesellschaftliche Leben; man war erfreut, zu ihm geladen zu sein. Viele berühmte und bekannte Persönlichkeiten gingen in dieser Zeit im Schloß Ising ein und aus. Selbst Kronprinz Rupprecht von Bayern war anläßlich der glanzvollen Hochzeit von Czermaks Tochter Marie mit Major Hell in Ising zu Gast Czermak erweiterte und erneuerte das Gebäude nicht nur durch Aus- und Umbauten, sondern er richtete es auch fürstlich mit kostbarem und wertvollem, dem Zeitgeschmack entsprechendem Mobiliar ein. Ganz im damaligen Verständnis der Zeit erhielt auch die Gartenanlage eine Umgestaltung. Die Zeit geometrisch-perspektivischer Elemente des Barock, die in ihren extremen Ausprägungen und strikter Trennung von natürlichen Umfeld eher einem künstlichen Naturtheater glich, war vorbei. Der die Natur idealisierende englische Landschaftsgarten, bei dem die formende Hand nicht mehr zu erkennen sein sollte, wurde jetzt auch auf dem ganzen Kontinent bevorzugt. Man schuf Räume durch Baugruppen und lockere Gahölzpflanzungen, und durch Anlegen von Alleen und Rasenflächen sollte der Übergang, die Grenze zwischen Garten und freier Landschaft nicht mehr erkennbar sein. Von diesen Gesichtspunkten ließ sich Franz Schecher bei der Pflanzung des Isinger "Schloßpark" leiten. Bissig kommentierte Johann Kandlbinder, Expositus zu Ising von 1931-1937, die Besitzwechsel und die baulichen Veränderungen des ehemaligen Untermeierhofs: "An die Stelle baulicher, dem Boden und Blut entstammender Menschen, die den Maierboten und einem Verwalter arbeiten lassen. Der Standesunterschied prägt sich bezeichnenderweise in einem Um- und Neubau des Hauptgebäudes aus... An Stelle des Hauptgebäudes setzt man jetzt (1864) einen ganz unoriginellen Schlossbau, derjetzt noch als Schloss Ising ohne Bezeichnung zu einem Geschlecht steht." Ising war zu keiner Zeit ein mit einer Hofmark verbundener Adelssitz, die Bezeichnung "Schloß" ist aus neuerer Zeit. Im Juli 1923 brach während eines fürchterlichen Gewitters im "Schloß" ein Brand aus, der den Bau zum größten Teil zerstörte. Auch die kostbare Einrichtung wurde ein Raub der Flammen. Die Familie Czermak übersiedelte nach diesem Unglück in das Lateinhaus im Dorf. Durch Weglassung aller manieriert wirkenden, die klare bauliche Linie verfremdenden Stilmittel und Kunstformen, wie Giebelfiguren, Eck- und Dachreitertürmchen, Wandmalereien und Turmgauben, zeigte das Haus nach der Fertigstellung klare Konturen und wirkte sachlicher, reifer und ausdrucksvoller.
Der Wiederaufbau verschlang aber die bisher unerschöpflich scheinenden Geldmittel, so dass sich die Familie Czermak 1934 gezwungen sah, das Gut Ising mit dem "Schloß" an die Industriellenfamilie Witt-Magalow aus Weiden zu verkaufen. Diese unterzog das Gebäude einer gründlichen Sanierung und richtete es mit viel Geschmack neu ein. Schloss Ising, der einstige Untermaierhof, ging 1953 in die Nutzung und zwei Jahre in den Zweckverbandes Bayrische Landschulheime über und fand damit eine völlig neue Bestimmung als Gymnasium mit Internat.
Dr. Regnauer, ehem. Schulleiter